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KLAUENfitnet

Projekthintergründe

Gliedmaßenerkrankungen sind eines der häufigsten Probleme in der Milchviehhaltung mit meist schwerwiegenden Folgen für Tier und Betrieb. Ursächlich stehen hierbei Veränderungen im Bereich der Klauen im Vordergrund, die sich nur durch ein systematisches und umfassendes Klauengesundheitsmanagement zuverlässig kontrollieren lassen. Voraussetzung hierfür ist ein auf Prophylaxe ausgerichtetes, ganzheitliches Tiergesundheitsmanagement, bei dem eine valide Erfassung, Analyse und Vernetzung aller beeinflussenden Indikatoren eine zentrale Rolle spielen. Nur so können Managemententscheidungen faktenbasiert getroffen werden.

Die visuelle Beurteilung der Bewegung zur Erkennung von Gangbildabweichungen anhand festgelegter Kriterien, wie u. a. der Schonung von Gliedmaßen, der Schrittlänge, der Krümmung des Rückens und des Kopfnickens während der Bewegung ist aufwendig und konnte sich bisher in der landwirtschaftlichen Praxis nicht durchsetzen. Eine mögliche Alternative stellen computergestützte Hilfsmittel dar, die die Bewegungsaktivität oder die Belastung von Gliedmaßen beim Laufen messen. So können Accelerometer bei der Erkennung individueller Gangbildabweichungen wertvolle Daten liefern.

Große betriebliche und tierindividuelle Unterschiede machen die Interpretation dieser Sensordaten jedoch komplex. Eine frühzeitige und automatisierte Erkennung von Veränderungen im Gangbild ist nur durch die Vernetzung und Verdichtung von Informationen unterschiedlichen Ursprungs und eine bedarfsgerechte Ergebnisaufbereitung zu erreichen.

Projektergebnisse

Auf sieben Praxisbetrieben (vier Großbetriebe in Ostdeutschland sowie ein Großbetrieb in Süddeutschland und zwei typische Familienbetriebe; insgesamt 3.500 Milchkühe) wurden über einen Zeitraum von je sechs Monaten Bonitierungen der laktierenden Kühe durchgeführt [LCS nach Sprecher et al. 1997, in einem vierzehntägigen Rhythmus; BCS nach Edmonson et al. 1989, in einem vierwöchigen Rhythmus]. Die Betriebe waren mit DPP des PP LFW sowie mit täglicher Milchmengenmessung ausgestattet. Über das FULLEXPERTHerdenmanagementsystem von LFW gingen Aktivitäts- und Gemelksdaten von allen laktierenden Tieren über ein Jahr in die Auswertungen ein. Die Betriebserhebungen wurden komplettiert durch die gründliche digitale Dokumentation der Klauenschnittbefunde. Die Daten aus den genannten Informationsquellen wurden mit Tier- und Betriebsdaten aus der Milchkontrolle (MLP) sowie Witterungsdaten (THI) automatisiert auf einer MySQL-Datenbank zusammengeführt. Hierfür wurden Datenkommunikationsschnittstellen zwischen
den Informationsquellen (weiter-)entwickelt und etabliert.

Nach Bereitstellung des Gesamtdatensatzes startete die Auswertungsphase mit der Entwicklung statistischer Modellansätze zur automatisierten Früherkennung von Lahmheit und zur Unterstützung des betrieblichen Klauengesundheitsmanagements.

Der Datensatz erwies sich als stark heterogen. Die Struktur des Datenmaterials spiegelte die in der Literatur konstatierten enormen betrieblichen Unterschiede sowohl hinsichtlich der Häufigkeit als auch der Verteilung des Auftretens von Lahmheit wieder, die mit den Einflüssen von Umwelt-, Management- und physiologischen Parametern auf die Klauengesundheit in Verbindung gebracht werden. Für eine Vielzahl untersuchter Einflussfaktoren und potenzieller Indikatoren ließen sich signifikante Zusammenhänge zum Auftreten und zur Verteilung von Lahmheit darstellen.

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Weitere Projektergebnisse

Regelmäßige und sachkundige Klauenpflege ist der wichtigste Grundpfeiler zum Erhalt der Klauengesundheit. Befunde, die von professionellen Klauenpflegern erhoben werden, liefern wertvolle Informationen zur Art und Häufigkeit des Vorkommens sowie zum Schweregrad von Klauenkrankheiten. Spezielle Softwarepakete (Marktführer auf dem deutschen Markt: KLAUE von dsp Agrosoft) ermöglichen die digitale Befund- und Diagnoseerfassung, allerdings fehlten bisher automatisierte Auswertungsmodule für die erhobenen Klauenbefunde. Für das Klauengesundheitsmanagement ist eine regelmäßige und veterinärmedizinisch korrekte Befunddokumentation und deren betriebsindividuelle Analyse jedoch unerlässlich, um aufkeimende Probleme frühzeitig zu bemerken und den Erfolg unternommener Maßnahmen objektiv messen zu können. Für eine einheitliche Erfassung der Klauenbefunde wurde der Deutsche Klauendiagnoseschlüssel 1.0 (DKDS 1.0) in Vertiefung des internationalen ICAR-Klauenatlas entwickelt und in das Dokumentationsprogramm KLAUE implementiert. Aufbauend darauf wurde ein Auswertungsmodul für Klauenschnittbefunde und -diagnosen entwickelt. Dieses beinhaltet ein dreistufiges Auswertungsmodul für Klauenschnittdiagnosen als Beratungstool für den Klauenpfleger und Managementhilfe für den Landwirt, das je nach Wunsch des Landwirts einen Kurzreport über die wichtigsten Ergebnisse bis hin zu umfangreichen Auswertungen aller relevanten Diagnosen und ein vertikales Benchmarking innerhalb der Betriebe des jeweiligen Klauenpflegers liefert.

In Kooperation mehrerer Rechenstellen der Landeskontrollverbände (LKV) wurde innerhalb des DLQ ein Datenportal für den standardisierten, automatisierten Datenaustausch in der Landwirtschaft entwickelt. Es verwendet anerkannte Standards wie das Internetprotokoll (TCP/IP) und ISOagriNET und garantiert seinen Nutzern Datensicherheit und Wahl der Kommunikationspartner unter Erhalt der eigenen Datenautonomie.

Die standardisierte Datenkommunikation zwischen verschiedenen elektronischen Diensten, Systemen und Softwareprogrammen erfordert eine einheitliche Sprache. Diese wird durch das sogenannte Data Dictionary (DD) definiert. Dessen Datenbankstruktur wurde zur Version DD 2.0 überarbeitet, internationalisiert und die Anwendungssoftware“Data Dictionary Manager” (DDM) bis zur Version 2.0 entwickelt. Der DDM 2.0 vereinfacht die Pflege und Nutzung des DD. Die dazugehörige Benutzerverwaltung ermöglicht den beteiligten Organisationen und Unternehmen den Einsatz der Software und eine eigenständige Bearbeitung von Projekten.

Ein interaktives E-Learning-Programm rund um Klauengesundheit und –pflege wurde vom DLQ in Zusammenarbeit mit Tierärztin und Klauenexpertin Dr. Andrea Fiedler und Klauenpfleger Markus Stumpf entwickelt. Unterstützt wurde diese Arbeit durch Prof. Dr. Kerstin Müller (PP FUB), die umfangreiches Fotomaterial zur Verfügung stellte. In sechs Modulen werden die häufigsten Klauenerkrankungen und deren Prophylaxe, Kenntnisse zur Anatomie der Klaue und zur frühzeitigen Lahmheitserkennung, sowie Wissen zur funktionellen Klauenpflege und therapeutischen Maßnahmen anschaulich vermittelt. Das E-Learning steht allen Interessierten seit Februar 2018 kostenfrei zur Verfügung und arbeitet interaktiv mit Videos, Bildern und Grafiken.

Projektpartner KLAUENfitnet

Koordiniert wurde KLAUENfitnet vom DLQ und als weitere Projektpartner waren beteiligt:

Die Projektlaufzeit war vom 01.03.2015 bis zum 31.08.2018.

Für die Entwicklung eines umfassenden, praxisreifen und breit einsetzbaren Betriebshelfers für die Klauengesundheit muss die Optimierung und Validierung der entwickelten Modellierungsansätze auf einer größeren Anzahl von Betrieben sowie die Prüfung der Übertragbarkeit auf andere Aktivitätsmesssysteme weitergeführt werden. Dies wird im Rahmen des Folgeprojektes KLAUENfitnet 2.0 erfolgen.

Gefördert durch Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages.

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